Gestaltungsweisen des Lebenslaufs im vormodernen Japan

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Idealtypische Lebensläufe gelten der anthropologischen Forschung seit jeher als zentrales Element einer bestimmten Kultur. In Bezug auf Japan ist Ruth Benedicts Schema vom U-förmigen Verlauf des japanischen Lebenslaufs berühmt geworden, innerhalb dessen dem Menschen, im Gegensatz zu westlichen Kulturen, in der Kindheit und dann wieder im hohen Alter maximale Freiheit zugestanden würde, das reife Erwachsenenalter hingegen die Zeit maximaler Fremdbestimmtheit wäre. Zudem orientierten sich Individuen in ihrem Verhalten stärker an den für den jeweiligen Lebensabschnitt gültigen Normen als an einem gleichbleibenden persönlichen Lebensentwurf. Mentalitätsgeschichtliche Forschungen zur historischen Entwicklung der Gestaltung des Lebenslaufs in Japan sind jedoch nach wie vor selten. Diese Lücke sollen ein Projekt zur Kultur- und Sozialgeschichte des Alters im vormodernen Japan und eines zur Geschichte der Kindheit im frühneuzeitlichen Japan schließen.

Eine Kultur- und Sozialgeschichte des Alters im vormodernen Japan

Japan gehört heute zu den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung und wird in naher Zukunft wohl den weltweit höchsten Altenanteil an der Gesamtbevölkerung aufweisen. Ausgangspunkt des 1987 initiierten Projektes ist die Frage, mit welchen historisch gewachsenen Altersbildern die japanische Gesellschaft in diese auch in ihrem Tempo einzigartige Alterung eintrat, und wieweit sich die gängige, zum Teil auch vom japanischen Staat propagierte These von einem besonderen traditionellen Respekt für das Alter und die alten Menschen in Japan historisch verifizieren läßt. Aufgrund der Analyse eines möglichst breiten Spektrums von Quellen sollten Vorstellungen vom Alter(n), Auffassungen vom Status der alten Menschen und Normen für die Gestaltung des Lebensabends und den Umgang mit den alten Menschen nachgezeichnet werden.

Für das japanische Altertum (Nara- und Heian-Zeit, 8.–12. Jh) und das japanische Mittelalter (Kamakura- und Muromachi-Zeit, 12.-16. Jh.) wurden die literatur- und geistesgeschichtlichen Reihen Nihon koten bungaku taikei und Nihon shiso taikei des Iwanami Verlags sowie Quellen aus Koji ruien und Kobunko systematisch ausgewertet. Für die hinsichtlich der Quellenlage wesentlich reichhaltigere Frühe Neuzeit (Edo-Zeit, 17.–19. Jh.) müssen spezifischere Sammlungen und Quellenausgaben mitberücksichtigt werden.

Abgeschlossene Teilprojekte:

Veröffentlichungen

Susanne Formanek, 2005
Die „böse Alte“ in der japanischen Populärkultur der Edo-Zeit: Die Feindvalenz und ihr soziales Umfeld. (BKGA 47.) Wien: VÖAW, 2005 (download [open access] or order online).
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Susanne Formanek, Sepp Linhart, ed., 1997
Aging: Asian Concepts and Experiences. Past and Present. (BKGA 20.) Wien: VÖAW, 1997 (order online).
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Bernhard Scheid, 1996
Im Innersten meines Herzens empfinde ich tiefe Scham: Das Alter im Schrifttum des japanischen Mittelalters. (BKGA 16.) Wien: VÖAW, 1996 (order online).
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Susanne Formanek, 1994
Denn dem Alter kann keiner entfliehen: Altern und Alter im Japan der Nara- und Heian-Zeit. (BKGA 13.) Wien: VÖAW, 1994 (order online).
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Susanne Formanek, Sepp Linhart, ed., 1992
Japanese Biographies: Life Histories, Life Cycles, Life Stages. (BKGA 11.) Wien: VÖAW, 1992 (order online).
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Geschichte der Kindheit im frühneuzeitlichen Japan

Japanische Erziehungskulturen haben in der anthropologischen Forschung häufig das internationale Interesse auf sich gezogen. Betont wurde dabei ein erzieherisches Verhalten, das dem Kind maximale Freiheit lässt, das weniger auf Führung denn auf Wachsenlassen ausgerichtet ist, erwünschte Verhaltenskorrekturen zunächst und zumeist ohne Androhung von Sanktionen nur suggeriert und so lange wiederholt, bis das Kind von selbst bereit ist, der Aufforderung nachzukommen. Häufig wurde dies mit der Metapher des Zulassens eines natürlichen Wachstums umschrieben. Ein um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert entstandener japanischer Text vergleicht die Kindererziehung mit der "Erziehung" eines Bonsai-Bäumchens, das gedrahtet werden muss und dem die schlechten Äste weggeschnitten werden, relativiert diesen Begriff der Natürlichkeit japanischer Erziehungskulturen damit in Richtung einer stark domestizierten Natur, stellt aber gleichzeitig gegenüber älteren, ebenfalls in der Edo-Zeit noch anzutreffenden Vorstellungen vom schlechten Verhalten eines Kindes, das in seinem bereits in früheren Leben angelegten, angeborenen bösen Charakter begründet wäre, einen erheblichen "aufklärerischen" Fortschritt dar. Parallel dazu postuliert die neuere historisch-demographisch und sozialgeschichtlich arbeitende japanische Forschung zunehmend eine allgemeine "Entdeckung der Kindheit" in der späteren Edo-Zeit, im Rahmen derer eine Mehrzahl von Eltern immer weniger Kindern eine immer bessere Ausbildung zuteil werden lassen wollte, eine Entwicklung, die zunehmend als eine wichtige Grundlage für die danach rasch einsetzende Modernisierung Japans gesehen wird.

Im Rahmen des Projekts soll diese spät-Edo-zeitliche "Entdeckung der Kindheit" auf ihre genauere Eigenart hin untersucht werden, wofür sowohl Belletristik, Essayistik und Bildmaterial sowie die zahlreichen in dieser Zeit entstehenden Erziehungsratgeber auszuwerten sein werden als auch das weite Feld einer zwar zunehmend dokumentierten, bislang auf ihre Inhalte jedoch noch unzureichend analysierten Kinder- und Jugendliteratur.

Shusse sugoroku: Karrieremuster auf bebilderten japanischen sugoroku-Brettspielen vom 18. bis ins 20. Jahrhundert

Von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts erschienen in Japan eine Vielzahl bebilderter sugoroku-Brettspiele der so genannten shusse („Karriere- oder Erfolgsstory“)-Variante, die den Lebenslauf thematisieren und damit wichtige mentalitätsgeschichtliche Quellen für die Alltagsdiskurse darüber darstellen, wie das Leben allgemein und/oder geschlechtsspezifisch zu gestalten sei. Langfristiges Ziel des Projekts ist, die Entwicklung dieses Genres, der entsprechenden Lebenslaufmodelle sowie des Strebens nach sozialer Aufwärtsmobilität trotz des bis Ende des 19. Jahrhunderts theoretisch streng hierarchischen Feudalsystems historisch nachzuzeichnen und einen entsprechenden Bildband für die Reihe Materialien zur Kultur- und Geistesgeschichte Asiens vorzubereiten.

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