Vortrag

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Anton Schütz

Okzidentalisierungen
Zu einigen Fallstricken in der Begrifflichkeit der Rechts- und Religionsgeschichte

Datum: Do., 22. Okt. 2015, 18:00
Ort: Institut für Kultur- und Geistesgeschichte Asiens, Seminarraum 1
Apostelgasse 23, 1030 Wien
Organisation: Bernhard Scheid (IKGA)
Kooperation: Alfred Pfabigan, Institut für Philosophie der Universität Wien

Thema

Auch Religionen gehen gern im Osten auf und im Westen, wenn nicht unter, so doch weiter, und dabei eigenen und unvorhergesehenen Wegen nach. Ein Beispiel dafür ist die „Einmalerfindung“ (N. Luhmann) Christentum. Im Nahen Osten geboren brachte es nach einem Jahrtausend einen zweiten, westlichen Zweig hervor, der sich alsbald in den Vordergrund des Evolutionsgeschehens schob und den ersten zur nun sog. „Ostkirche“ relativierte und provinzialisierte.

Dieser westliche Zweig hat das ganze folgende Jahrtausend hindurch die Hauptrolle in der sog. Weltgeschichte für sich beansprucht. Das hat unter anderem dazu geführt, dass die Worte „Verwestlichung“ und „Christianisierung“ heute ganz selbstverständlich als beliebig austauschbare verwendet werden – ein in Hinblick auf seinen Ursprung spektakuläres Resultat.

Anzutreffen sind aber auch Gegentendenzen, wie die Gleichsetzung der als Modernisierung verstandenen Verwestlichung mit der sog. Säkularisierung, also dem vermeintlichen Rückzug der Religion aus der Gesellschaft heraus und in ein belangloses religiöses Ausgedinge hinein, während die Gesellschaft „selbst“ als immer weiter von der Religion entfernt vorgestellt wird.

Die Doppellektion, derzufolge der Weg des sog. „Westens“ ins Christentum hinein-, zugleich aber aus der Religion hinausführt, ist denn auch, in der Religionsphilosophie wie der Religions-, Politik- und Institutionengeschichte zum seriellen Generator von Diskussionen geworden, zumal in Frankreich (M. Gauchet, P. Legendre, S. Margel, J-L. Nancy), aber auch in den Vereinigten Staaten, hier besonders im Werk des Chicagoer Religionshistorikers Jonathan Z. Smith und seiner beispielhaften Analyse der apologetischen Vendetta des neuzeitlichen Protestantismus gegen den von ihm sogenannten „Pagano-Papismus“ und gegen das Defizit (an christlich-zivilisatorischen Maßstäben gemessen) der katholischen und institutionszentrierten Lesart des Christentums. Dazu kommen die bekannten jüngsten Entwicklungen auf dem Religionssektor. Eine Frage hier ist, ob der traditionell als Gegenpol der christlichen Religion gehandelte Säkularisationsbegriff die Grundintention des westlichen Christentums nicht besser trifft als der Religionsbegriff selbst. Eine andere Frage ist, wie das westliche Christentum heute mit den von ihm selbst ins Leben gerufenen Verrechtlichungstendenzen der Gesellschaft umgeht.

Vortragender

Dr. Anton Schütz unterrichtet Rechtstheorie und normative Geschichte an der Birkbeck School of Law, London University, wo er das Centre for Research in Political Theology (CRIPT) leitet. Nach dem Rechtsstudium in Wien und weiteren Ausbildungsstationen in Frankreich, Italien und Deutschland, wo er u.a. mit Michel Foucault, Pierre Legendre, Gunther Teubner und Osamu Nishitani zusammenarbeitete, gilt sein Interesse heute dem Projekt einer Anreicherung der klassischen Rechts- und Normativgeschichte durch die Integration der Denkfiguren des Kollateralen (=Geschichte als Verkettung von Nebenfolgen) und des Managements („Regierung ohne Grund“) und ihrer Wurzeln in der spätscholastischen Selbstverteidigung der Theologie gegen den Aristotelismus.


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