Vortrag

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Takemitsu Morikawa

Die Zumutung der Kultur
Über den epistemischen Kulturalismus und seine praktisch-politischen Folgen

Datum: Freitag, 29. Juni 2018, 17:30-19:00
Ort: Institut für Kultur- und Geistesgeschichte Asiens, Seminarraum 2.25, 2. Stock
Hollandstr. 11-13, 1020 Wien
Organisation: Bernhard Scheid

Thema

Die Ostasienwissenschaften wie andere regionale Wissenschaften gehen heutzutage von der impliziten Annahme aus, dass es „Kulturen“ gibt und dass die Erforschung fremder Kulturen bzw. des kulturell Anderen spezielle Fächer erfordert. Zu dieser Annahme gehört darüber hinaus noch eine weitere Vorstellung, nämlich dass kulturelle Unterschiede auf religiösen Unterschieden basieren. In dem geplanten Vortrag soll der Begriff der Kultur, der als Wert- und Wissenssystem die individuelle Handlung anleitet, und die davon abgeleitete, oben genannte problematische Annahme als blinder Fleck der Ostasien- bzw. Orientwissenschaften thematisiert und in Frage gestellt werden.

Ich werde erstens darauf hinweisen: Auch in Kulturkreisen, die voneinander räumlich entfernt sind und keine gemeinsamen religiösen Wurzeln besitzen, finden sich nicht selten sehr ähnliche Glaubenssysteme und Praktiken. Zweitens möchte ich auf die Geschichtlichkeit des Kulturbegriffs hinweisen. Der Begriff der Kultur im heutigen Sinne ist im Zuge der Modernisierung in West- und Mitteleuropa erfunden und in andere Regionen überführt worden und zur Verbreitung gelangt. In diesem Sinne ist der Kulturbegriff ein „westlicher“ Begriff. Nicht zu vergessen ist dabei die Asymmetrie zwischen dem „Westen“ und dem „Nichtwesten“ in Kulturdiskursen. Weil „Kultur“ ein westlicher Begriff ist, sind alle Versuche von Nichtwestlern, sich selbst als Kulturkollektiv vorzustellen und zu bezeichnen, zur Fremdbezeichnung verurteilt. „Sie kann sich nicht repräsentieren. Sie muß repräsentiert werden“ (Marx). Jedoch: Die Mehrzahl der Nationen, Völker, ethnischen Gruppen usw. versteht sich auf dem Globus heutzutage als Kulturkollektiv. Was ist die politisch-praktische Folge dieses epistemischen Kulturalismus? Meine Antwort soll lauten: Kultur ist ein Code für die Regulierung von Inklusion und Exklusion, und zwar nicht nur für die politische Inklusion und Exklusion, sondern auch für die allgemeine Teilhabe an zivilisatorischen Errungenschaften wie Demokratie, Rechtsstaat, marktwirtschaftlich orientierte Berufschance und somit sozialer Aufstieg, freie Partnerwahl etc., die fälschlicherweise als „westliche“ Kultur bezeichnet werden. Der epistemische Kulturalismus hat die verborgene Funktion, die Exklusion der breiteren – „farbigen“ – Bevölkerung von der Teilhabe an den zivilisatorischen Errungenschaften zu legitimieren.

Vortragender

Takemitsu Morikawa
Takemitsu Morikawa habilitierte sich 2012 an der Universität Luzern in Soziologie (Venia legendi: Kultursoziologie) und unterrichtete u.a. an den Universitäten Heidelberg, Zürich, Luzern, Wien und Duisburg-Essen, bevor er 2018 eine Professur für Soziologie an der Keiō Universität in Tokyo antrat. 2002 gewann seine Dissertation Handeln, Welt und Wissenschaft. Zur Logik, Erkenntniskritik und Wissenschaftstheorie für Kulturwissenschaften bei Friedrich Gottl und Max Weber den Förderpreis der Japanischen Gesellschaft für die Geschichte der Soziologie (Nihon Shakaigakushi Gakkai). Zu seinen jüngsten Monographien zählt Liebessemantik und Sozialstruktur: Transformationen in Japan von 1600 bis 1920 (Transcript 2015).

Illustration: Mitteleuropa als Kulturbegriff. Halbmonatsschrift für Zukunftskultur 1917/1918. Heft 17/18 (Hg. Karl Camillo Schneider, Wien: Orion Verlag).

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