Die historische Entwicklung des Shinto

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Projektdaten

Von der geschichtlichen Bedeutung des japanischen Buddhismus zeugen nicht nur die bekannten historischen Fakten aus der Nara-Zeit (8. Jh.), in der der Buddhismus quasi zur Staatsreligion erhoben wurde, auch die meisten vormodernen literarischen und bildnerischen Quellen lassen erkennen, dass die religiöse Kultur dieses Landes überwiegend vom Buddhismus geprägt war. Doch entstand in der Nara-Zeit auch ein höfischer Kult, der den Tennō zu einer lebenden Gottheit erklärte. Schließlich pflegten auch die führenden Adelsfamilien Kulte für ihre göttlichen Ahnen. Einheimische Götter (kami) existierten also auch nach der Übernahme des Buddhismus in der japanischen Vorstellungswelt weiter fort, mussten sich ihren Platz aber mit Gottheiten aus Indien, China und Korea innerhalb eines buddhistischen Universums teilen, an dessen Spitze die Buddhas standen.

Wie steht „Shinto“ mit diesem Mix an Glaubens- und Praxisformen in Beziehung? Welche Ursachen führten dazu, dass man heute von zwei Hauptreligionen in Japan, Buddhismus und Shinto, spricht? Gab es — bzw. wann gab es — ein Bewusstsein von Shinto als eigener Religionsform? Gab es Reflexionen über die möglichen Widersprüche einheimischer und fremdländischer Glaubensformen? Gab es religiöse Konflikte zwischen Buddhismus und Shinto? Diese übergeordneten Fragen werden in Form spezifischer Einzelstudien von verschiedenen Blickwinkeln aus thematisiert.

Mythologie

Die mythologischen Chroniken Kojiki (712) und Nihion shoki (720) wurden lange für Zeugnisse uralter Oraltraditionen erachtet. Erst in jüngerer Zeit setzen sich Ansätze durch, die systematisch untersuchen, inwiefern die klassische Mythologie als Legitimation einer damals erst jungen dynastischen Ordnung diente und dem entsprechend „neu erfunden“ wurde.

Literatur

  • Bernhard Scheid (2016), „‚Sie stach sich in den Schoß und verstarb‘: Zwei seltsame Todesfälle in den kiki-Mythen.“ In: Birgtit Staemmler (ed.), Werden und Vergehen: Betrachtungen zu Geburt und Tod in japanischen Religionen. Münster: Lit Verlag, 95–114.

Hachiman — Metamorphosen einer japanischen Gottheit

Hachiman in Gestalt eines buddhistischen Mönchs (Holzskultur, um 890)

Die Gottheit Hachiman ist erstmals im frühen achten Jahrhundert als lokale Gottheit in Kyūshū, der südlichsten japanischen Hauptinsel, fassbar. Anlässlich der Errichtung des Tōdaiji in Nara (bekannt für seine Kolossalstatue des Vairocana Buddha) wird Hachiman um 750 als Schutzgottheit dieses buddhistischen Tempels eingesetzt und erhält einen Zweigschrein neben dem Tempel. Damit beginnt Hachimans rascher Aufstieg zu einer der populärsten Gottheiten Japans. Er figuriert u.a. als Ahnengott des Kaiserhauses, als prophetische Gottheit, die in Orakeln Ratschläge erteilt, als „Großer Bodhisattva“, als Schutz- und Ahnengott der Minamoto Shogune und damit des gesamten Kriegerstandes, als Schirmherr der japanischen Piraten (wakō), als „Kriegsgott Japans“, aber auch als lokale Dorfgottheit. Heute sind über 20.000 Schreine — und damit etwa jeder vierte Shinto Schrein — Hachiman geweiht. Dennoch hat sich die westliche Forschung bislang noch kaum systematisch mit dieser Gottheit beschäftigt. Dies liegt zweifellos an der unklaren Herkunft und der „synkretistischen“ Natur Hachimans, der vor allem vom frühen japanischen Buddhismus stark instrumentalisiert wurde, letztlich aber weder dem Buddhismus noch dem Shinto eindeutig zugeordnet werden kann.

In dem Forschungsprojekt soll versucht werden, die widersprüchlichen Aspekte Hachimans analytisch zu trennen, mit verschiedenen religiösen und sozialen Gruppierungen in Beziehung zu bringen und sowohl in ihrer diachronen Abfolge als auch in ihrem synchronen Zusammenwirken darzustellen. Dabei werden historiographische, literarische und bildnerische zur Untersuchung herangezogen. Zeitlich erstreckt sich das Forschungsprojekt über die gesamte japanische Vormoderne (bis 1868), der Schwerpunkt liegt jedoch auf dem Legendenmaterial des japanischen Altertums und Mittelalters.

Literatur

  • Bernhard Scheid (2014), “Shōmu Tennō and the Deity from Kyushu: Hachiman’s Initial Rise to Prominence.” Japan Review 27 (2014), S. 31–52.
  • Bernhard Scheid (2014), “Wer schützt wen? Hachimanismus, Buddhismus und Tennōismus im Altertum.” Asiatische Studien / Etudes Asiatiques 68:1 (2014), pp. 263–84.

Yoshida Shinto

Das Projekt untersucht die oben angesprochenen Fragen zur Geschichte des Shinto anhand des im 15. Jh. entstandenen Yoshida Shinto. Ideengeschichtlich ist der Yoshida Shinto vor allem deshalb interessant, weil er zum ersten Mal ein kohärentes System von Lehrschriften und Ritualen entwickelte, das sich selbst als „Shinto“ bezeichnete und damit seine Eigenständigkeit gegenüber dem Buddhismus hervorstrich. Der „Eine und Einzige Weg der Götter“ (Yuiitsu Shinto) war einer der programmatischen Eigennamen dieser Richtung.

Dennoch konnte sich jedoch auch der Yoshida Shinto der gängigen Überzeugung nicht entziehen, dass alle religiösen und philosophischen Systeme Asiens letztlich eins wären, d.h. aus dem gleichen Geist entstanden sind. Die Lehre des Yoshida Shinto steht daher im Spannungsfeld zwischen rhetorischer Dogmatik und faktischer Toleranz, wobei erstere angestrebt und letztere verwirklicht wurde. Aus heutiger Sicht stellt der Yoshida Shinto ein wichtiges Bindeglied zwischen der dominanten buddhistischen Weltsicht des Mittelalters und dem Aufkommen des „Reinen Shinto“ in der Edo-Zeit dar.

Literatur

Bernhard Scheid, 2001
Der Eine und Einzige Weg der Götter: Yoshida Kanetomo und die Erfindung des Shinto. (BKGA 38.) Wien: VÖAW, 2001 (download [open access] or order online).
Scheid 2001.jpg
Mark Teeuwen, Bernhard Scheid, ed., 2002
Tracing Shinto in the History of Kami Worship. (Sonderband des Japanese Journal of Religious Studies 29/3-4.) Nagoya: Nanzan Institute for Religion & Culture, 2002.
Bernhard Scheid, Mark Teeuwen, ed., 2006
The Culture of Secrecy in Japanese Religion. London, New York: Routledge, 2006.
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Shintō-uke

Unter shintō-uke (in etwa „Zertifikation durch Shintō Schreine“) versteht man das Phänomen, Shintō Schreine zu Akteuren der ideologisch-religiösen Kontrolle zu machen. Während ähnliche Funktionen in der Edo-Zeit von buddhistischen Tempeln wahrgenommen wurden (tera-uke oder danka seido), existierte shintō-uke nur während eines kurzen Zeitraums im späten 17. Jh. in lediglich drei, allerdings sehr bedeutsamen Daimyaten. Shintō-uke könnte aber als Präzedenzfall stärkere Auswirkungen auf die Geschichte des Shintō haben, als bislang angenommen. Ein FWF-finanziertes Projekt geht dieser Frage anhand regionaler Detailstudien nach. Mehr dazu ...

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